Jeden Mittwoch finden Sie hier einen geistlichen Impuls.


Andacht am 9. September 2020

von Pfarrerin Renate Kersten

Maske oder nicht Maske…

das ist nicht unsere Frage! Jede Zeit hatte solche Streitpunkte, bei denen man sich lange, intensiv und ergebnislos streiten kann. Ernährung und Kleidung sind Dauerbrenner. Ob man Fleisch essen sollte und wenn ja, welches nicht, Kopfbedeckung von Männern und Frauen – das sind Dauerbrenner im Streit zwischen persönlicher Freiheit und gesellschaftlichen Normen. Es sind auch biblische Themen, und der biblische Standpunkt verläuft quer zu unseren Streitlinien. In Sachen Kleidung heißt es in erster Linie: „Zieht an den neuen Menschen!“ Eine neue Haltung – nicht wenige haben versucht, das auch durch ein religiöses Gewand oder zumindest ein Kreuz an der Halskette zum Ausdruck zu bringen. Wir gehören nicht uns selbst, wir gehören zu Christus. Zu ihm kommt jede Zeit mit ihren Fragen. In den Antworten werden die Fragen oft zurückgespielt. Damals z.B. die Frage, wie Christen mit den heidnisch-staatlichen Steuerforderungen umgehen sollten. In der Antwort Jesu höre ich so ein: „Ist das wirklich so wichtig?“ im Unterton. Auch bei Paulus lese ich in Antworten ein „Kommt drauf an.“ Übertragen auf heute: Maske – kommt drauf an. Dazu zwei Beispiele:

Mein Schwager D. ist Berufsschullehrer in Dortmund. An der Schule gibt es eine Maskenempfehlung, aber keine Pflicht. Am ersten Schultag saßen von 25 Azubis vier mit Maske im nicht übermäßig großen Klassenraum. Am Ende der Stunde trugen alle eine Maske.

Vorausgegangen war keine Grundsatzdiskussion, sondern eine Bitte. D. hatte gesagt: „Schön, dass wir wieder anfangen! Ich sag Ihnen jetzt am Anfang etwas zu meiner persönlichen Situation. Meine Frau hat Krebs, ihr Immunsystem ist durch die Chemotherapie gerade komplett runtergefahren. Bei uns lebt unser behinderter Sohn, der gut klar kommt, aber Atemwegsprobleme hat. Und wir betreuen meine Mutter, die ist 95. Das klingt jetzt alles heftig. Es geht uns aber nicht schlecht, wir kommen klar und haben auch viel Spaß zusammen. Ich hätte gern, dass das noch lange so bleibt – und da kommt meine Bitte: Es wär mir echt lieber, wenn Sie in meinem Unterricht Maske tragen.“

Zurück nach Berlin. In unserer Gemeinde haben wir es umgekehrt entschieden. Wir haben Platz, Abstände können und sollen eingehalten werden – und wir haben die Erfahrung gemacht, dass dies oft nicht geschieht, wenn die Maske getragen wird. Der Grund war aber ein anderer: Einige Menschen dürften aus gesundheitlichen Gründen nicht für längere Zeit oder auch gar nicht diese Masken tragen. Wir möchten in unseren Räumen niemanden diskriminieren. Abstandhalten ist deswegen Pflicht – Maske nicht.

Kommt also drauf an. Paulus lehrte, dass es um Haltung und Beziehung geht. Wenn etwas den anderen klein macht, ins Zweifeln bringt und ihn letztlich weiter von der Liebe Gottes wegbringt, dann solle man es lassen. Paulus hat noch nicht daran gedacht, dass sich diese Haltung der Rücksicht auch in Rechthaberei und Übergriffigkeit verwandeln kann. Manche tun so, als wüssten sie ganz genau, was für andere gut ist. Manche nennen Rechthaberei „Rücksicht“. Genau das ist nicht gemeint. In Alltagsdingen gibt es kaum einmal ein „ganz richtig“ und „völlig falsch“. Gott selbst mutet uns zu, dass wir immer wieder austarieren müssen, was in einer konkreten Situation rücksichtsvoll, respektvoll und menschenfreundlich ist. Renate Kersten

…und hier noch Bibelstellen zum Nachschauen:

Epheserbrief 4, 24-27 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.

Thema Steuerzahlen: Markus 12, 13-17; Lukas 20, 20-26, Matthäus 22, 15-22

Rücksicht bei Paulus: z.B. 1. Korintherbrief 8, 1-13

Zum Thema Essen, Trinken und Kleidung gibt es eine Fülle von Bibelstellen, die zeigen, wie wichtig diese Themen immer waren, aber auch wie zeitgebunden die Diskussionen jeweils sind. Über den ersten dokumentierten Beschluss der Apostelversammlung in der Apostelgeschichte 15, 19+20, der allen Christ*innen bis heute verbietet, Tierblut zu essen, ist die Zeit einfach hinweg gegangen. Es war irgendwann kein Thema mehr; die Zeugen Jehovas vertreten innerhalb der christlichen Gemeinschaften eine Minderheitenposition. Heute wird die Frage nach Essen, Trinken und Kleidung eher nach Kriterien wie Klimaschutz, Tierrechte und Respekt vor der Schöpfung diskutiert.